Heutiges Thema ist Sokrates.
Verbessere dein gesprochenes Deutsch mit diesem Selbstlern-Video! Ideal für Lernende auf B1-B2 Niveau, um alltägliche Gespräche sicherer zu führen.
Lerne Deutsch mit echten Sprechübungen! In diesem Video findest du nützliche Redewendungen und Beispiele für A1 bis B2. Perfekt für Selbstlerner – verbessere deine Aussprache und Sprachsicherheit mit realistischen Dialogen.
🔹 Deutsch sprechen lernen
🔹 Deutsch Selbststudium
🔹 A1 A2 B1 B2 C1 Deutsch
🔹 Sprechpraxis
🔹 Redewendungen und Alltagssprache
Learn German through real speaking practice! This video includes useful phrases and examples from A1 to B2 levels. Perfect for self-learners – improve your pronunciation and confidence with practical dialogues.
🔹 Learn to speak German
🔹 German self-study
🔹 A1 A2 B1 B2 C1 German
🔹 Speaking practice
🔹 Everyday German phrases
Show More Show Less View Video Transcript
0:02
Sokrates ist um das Jahr 469 vor
0:05
Christus in Athen geboren. Sein Vater
0:08
hat Sophroniskos geheißen und ist ein
0:11
begabter Bildhauer gewesen. Seine
0:13
Mutter, Feiner Rete, hat als Hebamme
0:16
gearbeitet. Diese familiären
0:18
Hintergründe haben das Denken von
0:20
Sokrates später stark beeinflusst. Er
0:23
hat oft gesagt, dass seine
0:24
philosophische Arbeit wie die Arbeit
0:26
einer Hebamme ist. Er hat den Menschen
0:29
nicht sein eigenes Wissen gegeben,
0:31
sondern er hat ihnen geholfen, die
0:33
Wahrheit in ihrem eigenen Inneren zu
0:35
gebären. In seiner Jugend hat Sokrates
0:38
wahrscheinlich zuerst das Handwerk
0:40
seines Vaters gelernt. Man hat früher
0:42
sogar geglaubt, dass er einige Statuen
0:44
auf der Akropolis von Athen selbst
0:47
gemeißelt hat. Aber Sokrates hat schnell
0:49
gemerkt, dass ihn die Arbeit mit Stein
0:52
nicht glücklich macht. Er hat sich nicht
0:54
für leblose Materie interessiert,
0:56
sondern für die menschliche Seele und
0:58
die Bedeutung von Gerechtigkeit, Tugend
1:01
und Wahrheit.
1:02
Athen ist zu dieser Zeit eine sehr
1:04
reiche und mächtige Stadt gewesen. Es
1:07
ist das goldene Zeitalter unter Peryles
1:09
gewesen. Überall hat man prächtige
1:12
Tempel gebaut und über Demokratie
1:14
diskutiert. Sokrates ist ein fester Teil
1:17
dieser Gesellschaft gewesen, aber er ist
1:20
anders als die anderen Bürger gewesen.
1:22
Er hat keinen Wert auf Reichtum, schöne
1:24
Kleidung oder teures Essen gelegt. Oft
1:27
ist er barfuß durch die Straßen von
1:29
Athen gelaufen und hat nur einen
1:31
einfachen Mantel getragen. Sein ganzes
1:34
Leben hat er in Athen verbracht. Er hat
1:36
die Stadt fast nie verlassen, außer wenn
1:38
er als Soldat in den Krieg ziehen
1:40
musste. Für Sokrates ist Athen nicht nur
1:43
ein Ort zum Wohnen gewesen, sondern ein
1:45
Ort für den Dialog. Er hat geglaubt,
1:48
dass man nur durch das Gespräch mit
1:50
anderen Menschen wirklich lernen kann.
1:52
So hat seine Reise als Philosoph in den
1:55
Werkstätten, auf den Marktplätzen und in
1:57
den Straßen seiner Heimatstadt begonnen.
2:00
Er hat die traditionelle Arbeit seines
2:02
Vaters hinter sich gelassen, um der
2:04
erste große Bildhauer der Seelen zu
2:06
werden. Bevor Sokrates als der
2:08
friedliche Philosoph in die Geschichte
2:10
eingegangen ist, hat er sich als mutiger
2:13
Soldat bewiesen. Während des
2:15
peloponesischen Krieges, einem langen
2:17
Konflikt zwischen Athen und Sparta, hat
2:20
er als schwer beewaffneter Fußsoldat
2:22
Hoplid in der athenischen Armee
2:24
gekämpft. Er hat an wichtigen Schlachten
2:27
teilgenommen, wie z.B. in Putiaya,
2:30
Delion und Ampolis.
2:32
Seine Mitbürger sind sehr erstaunt über
2:34
seine physische Ausdauer gewesen.
2:36
Während andere Soldaten im kalten Winter
2:39
von Trakien über den Frost geklagt
2:41
haben, ist Sokrates barfuß durch den
2:43
Schnee gelaufen. Er hat keine spezielle
2:46
Ausrüstung gegen die Kälte gebraucht und
2:48
hat gezeigt, dass seine geistige
2:50
Disziplin seinen Körper kontrollieren
2:52
kann. Er hat Hunger, Durst und Kälte
2:54
viel besser ertragen als jüngere Männer.
2:57
In der Schlacht von Prutida hat Sokrates
3:00
eine besonders heldenhafte Tat
3:02
vollbracht. Er hat das Leben von
3:04
Alkibiades gerettet, einem jungen und
3:06
später sehr berühmten Staatsmann.
3:09
Alkibiades ist verwundet am Boden
3:11
gelegen und Sokrates hat ihn gegen die
3:13
Feinde verteidigt und ihn in Sicherheit
3:15
gebracht. Später hat Sokrates sogar auf
3:18
die Auszeichnung für Tapferkeit
3:20
verzichtet und gewollt, dass Alkibiades
3:22
den Preis bekommt. Auch bei der
3:25
Niederlage in der Schlacht von Delion
3:27
hat Sokrates Ruhe bewahrt. Während viele
3:30
andere Soldaten in Panik geflohen sind,
3:32
ist er langsam und stolz zurückgegangen.
3:35
Er hat so entschlossen ausgesehen, dass
3:37
die Feinde ihn nicht angegriffen hatten.
3:40
Diese Jahre im Krieg haben Sokrates
3:42
gezeigt, dass wahrer Mut nicht nur
3:44
körperliche Stärke ist, sondern vor
3:46
allem Standhaftigkeit und
3:48
Selbstbeherrschung. Er hat gelernt, dass
3:51
ein Mann seinen Prinzipien treu bleiben
3:52
muss, egal ob im Krieg oder im
3:55
politischen Leben von Aen. Diese
3:57
Disziplin hat er später in seine
3:59
Philosophie übernommen. Es ist eine
4:01
faszinierende Tatsache der
4:03
Weltliteratur. Einer der
4:05
einflussreichsten Denker der Menschheit
4:07
hat kein einziges Buch hinterlassen.
4:09
Sokrates hat sich bewusst dazu
4:11
entschieden, seine Ideen niemals
4:13
aufzuschreiben. Er hat geglaubt, dass
4:15
die Wahrheit nur durch das lebendige
4:17
Gespräch zwischen zwei Menschen gefunden
4:19
werden kann. Für ihn ist die Philosophie
4:22
kein totes Wissen in einem Buch gewesen,
4:24
sondern ein dynamischer Prozess.
4:27
Sokrates hat eine kritische Meinung über
4:29
das Schreiben gehabt. Er hat befürchtet,
4:31
dass die Menschen durch Bücher aufhören
4:33
würden, ihr eigenes Gedächtnis zu
4:35
trainieren. Er hat gesagt, dass ein
4:37
geschriebener Text immer dasselbe sagt
4:39
und auf Fragen nicht antworten kann.
4:42
Wenn man ein Buch etwas fragt, bleibt es
4:44
stumm. Er hat den direkten Dialog
4:46
bevorzugt, weil er dort auf die
4:48
Persönlichkeit und die Argumente seines
4:50
Gegenwieders individuell reagieren
4:52
konnte. Alles, was wir heute über
4:55
Sokrates wissen, haben wir anderen
4:57
Personen zu verdanken. Sein wichtigster
4:59
Schüler Platon, hat nach dem Tod seines
5:01
Lehrers viele Dialoge geschrieben. In
5:04
diesen Texten ist Sokrates fast immer
5:06
die Hauptperson. Auch der Historiker
5:08
Xenophon hat über ihn berichtet. Diese
5:10
Berichte sind jedoch sehr
5:12
unterschiedlich. Bei Platon ist Sokrates
5:14
ein genialer Metaphysiker, bei Xenophon
5:17
eher ein praktischer Ratgeber.
5:20
Zusätzlich hat der Komediendichter
5:22
Aristophannes in seinem Stück die Wolken
5:24
eine Parodie über Sokrates geschrieben.
5:26
Dort hat er ihn als einen verrückten
5:28
Lehrer dargestellt, der in einem Korb am
5:30
Himmel hängt. Durch diese verschiedenen
5:33
Quellen haben wir heute ein sehr
5:34
komplexes Bild von ihm. Sokrates hat
5:37
gewollt, daß seine Philosophie in den
5:39
Köpfen der Menschen weiterlebt und nicht
5:41
in staubigen Regalen. Er hat seine
5:44
Spuren nicht auf Papier, sondern in den
5:46
Seelen seiner Mitbürger hinterlassen.
5:49
Sokrates hat eine ganz besondere Art zu
5:51
Philosophien erfunden, die wir heute als
5:54
soatische Methode oder Elenktik kennen.
5:57
Er ist nicht wie ein Lehrer aufgetreten,
5:59
der lange Reden hält oder fertige
6:01
Antworten gibt. Stattdessen ist er über
6:03
den Marktplatz, die Agora, von Athen
6:06
gelaufen und hat die Menschen in
6:07
Gespräche verwickelt. Er hat so getan,
6:10
als ob er selbst nichts wüßte und hat
6:12
seine Gesprächspartner gebeten, ihm
6:14
Begriffe wie Mut, Gerechtigkeit oder
6:17
Liebe zu erklären. Sein Ziel ist es
6:19
gewesen, die Menschen zum Nachdenken zu
6:21
bringen. Wenn ein General ihm gesagt
6:24
hat, dass Mut bedeutet, niemals
6:26
wegzulaufen, hat Sokrates geschickte
6:28
Gegenfragen gestellt. Was ist aber, wenn
6:31
ein Rückzug taktisch klug ist? Ist das
6:33
dann feige? Durch diese Fragen hat der
6:36
Gesprächspartner oft gemerkt, daß seine
6:38
erste Definition falsch oder
6:40
unvollständig gewesen ist. Sokrates hat
6:43
diesen Prozess Maiutik genannt, was
6:46
übersetzt Hebammenkunst bedeutet. Er hat
6:49
geglaubt, dass er keine neuen Ideen in
6:51
die Köpfe pflanzt, sondern den Menschen
6:54
nur hilft, die Wahrheit, die schon in
6:56
ihnen steckt, ans Licht zu bringen. Oft
6:59
hat das Ende eines solchen Gesprächs in
7:00
der sogenannten Aporie geendet. Das
7:03
bedeutet, dass beide Gesprächspartner am
7:05
Ende zugeben mussten, ich weiß es
7:07
eigentlich doch nicht. Viele Leute in
7:10
Athen haben das sehr frustrierend
7:12
gefunden. Sie haben sich vor den
7:14
Zuschauern auf dem Marktplatz geschämt,
7:16
weil Sokrates ihre Unwissenheit gezeigt
7:18
hat. Aber für Sokrates ist dieses
7:21
Eingeständnis der erste Schritt zur
7:23
wahren Weisheit gewesen. Er hat die
7:25
Menschen aus ihrer geistigen Trägheit
7:27
aufgeweckt und sie gezwungen, ihre
7:29
eigenen Überzeugungen kritisch zu
7:31
prüfen. Diese Methode ist bis heute die
7:34
Basis für kritisches Denken und moderne
7:37
Pädagogik geblieben. Eines der
7:39
wichtigsten Ereignisse im Leben von
7:41
Sokrates ist die Reise seines Freundes
7:43
Chayphon nach Delphi gewesen. Charefon
7:46
ist zum berühmten Orakel gegangen und
7:48
hat der Priesterin eine gewagte Frage
7:51
gestellt. Gibt es einen Menschen, der
7:53
weiser ist als Sokrates? Das Orakel hat
7:56
geantwortet, dass es niemanden gibt, der
7:59
weise als er ist. Als Sokrates diese
8:01
Nachricht gehört hat, ist er absolut
8:03
schockiert und verwirrt gewesen. Er hat
8:06
von sich selbst geglaubt, dass er
8:07
überhaupt kein Wissen besitzt.
8:10
Um das Rätsel des Orakels zu lösen, hat
8:12
Sokrates eine große Untersuchung in
8:14
Athen begonnen. Er ist zu den Menschen
8:17
gegangen, die in der Gesellschaft als
8:18
besonders Weise gegolten haben, zu den
8:21
Politikern, den Dichtern und den
8:23
Handwerkern. Er hat gedacht, ich muss
8:25
nur jemanden finden, der klüger ist als
8:28
ich. Dann kann ich dem Gott beweisen,
8:30
dass das Orakel sich geirrt hat. Aber
8:32
bei seinen Gesprächen hat er eine
8:34
bittere Entdeckung gemacht. Die
8:36
Politiker haben zwar so getan, als ob
8:38
sie alles wüßten, aber sie haben auf
8:40
tiefe Fragen keine echten Antworten
8:42
gehabt. Die Dichter haben schöne Worte
8:45
benutzt, aber sie haben den tieferen
8:47
Sinn ihrer eigenen Werke nicht
8:48
verstanden. Nach vielen Gesprächen hat
8:51
Sokrates das Geheimnis des Orakels
8:53
endlich begriffen. Er hat gemerkt, dass
8:56
die meisten Menschen glauben, etwas zu
8:58
wissen, obwohl sie eigentlich unwissend
9:00
sind. Er selbst hat jedoch einen
9:03
entscheidenden Vorteil gehabt. Er hat
9:05
gewusst, daß er nichts weiß. Er hat
9:07
verstanden, dass seine Weisheit in der
9:09
Erkenntnis seiner eigenen Grenzen liegt.
9:12
Das ist die Bedeutung des berühmten
9:14
Paradoxons. Ich weiß, dass ich nichts
9:16
weiß. Diese Erkenntnis hat Sokrates aber
9:19
nicht arrogant gemacht. Im Gegenteil, er
9:22
hat es als seine göttliche Mission
9:23
gesehen, auch anderen Menschen dabei zu
9:26
helfen, ihre Arroganz und ihr falsches
9:28
Wissen abzulegen. Er hat geglaubt, dass
9:30
man nur dann nach echter Wahrheit suchen
9:32
kann, wenn man zuerst zugibt, dass man
9:35
sie noch nicht gefunden hat. Während die
9:37
Sophisten in Athen viel Geld dafür
9:39
genommen haben, den Leuten Wissen zu
9:41
verkaufen, hat Sokrates kostenlos die
9:44
Demut gelehrt. Leider hat er sich durch
9:46
diese ständigen Fragen viele Feinde
9:48
gemacht, denn niemand gibt gerne zu,
9:50
dass er ungebildet ist. Aber für
9:52
Sokrates ist die ehrliche Suche nach der
9:55
Wahrheit wichtiger gewesen als sein Ruf
9:57
oder seine Sicherheit. Sucrates hat
9:59
seine Aufgabe in der Gesellschaft mit
10:01
einem sehr seltsamen Vergleich
10:03
beschrieben. Er hat sich selbst als eine
10:06
Stechfliege, auf griechisch Myops
10:08
erzeichnet. Er hat gesagt, dass die
10:11
Stadt Athen wie ein großes edles Pferd
10:13
ist. Dieses Pferd ist jedoch ein
10:16
bisschen träge und faul geworden, weil
10:18
es so reich und mächtig ist. Das Pferd
10:21
braucht deshalb eine Fliege, die es
10:23
ständig sticht, damit es aufwacht und
10:25
wieder aktiv wird. Sokrates hat
10:27
geglaubt, dassß Gott ihn in die Stadt
10:29
geschickt hat, um die Bürger durch seine
10:31
Fragen zu stechen und sie aus ihrem
10:34
geistigen Schlaf zu wecken. Jeden Tag
10:37
ist er zu den öffentlichen Plätzen
10:38
gegangen und hat die Leute gefragt:
10:41
"Denkst du mehr an dein Geld und deinen
10:43
Ruhm als an die Tugend deiner Seele?" Er
10:46
hat die Politiker kritisiert, wenn sie
10:48
nur an ihre Macht gedacht haben, anstatt
10:50
das Volk moralisch zu verbessern. Er hat
10:53
keine Angst vor mächtigen Männern gehabt
10:55
und hat jeden gleich behandelt. Egal, ob
10:58
es ein reicher Aristokrat oder einfacher
11:00
Schuhmacher gewesen ist, er hat die
11:03
Menschen gezwungen, über den Sinn des
11:05
Lebens nachzudenken, was für viele
11:07
Bürger im Alltag sehr anstrengend und
11:09
sogar nervig gewesen ist. Diese ständige
11:12
Kritik hat dazu geführt, dass er in
11:15
Athen immer unbeliebter geworden ist.
11:17
Die Leute haben ihn als einen stören
11:19
Fried gesehen, der die Ordnung der Stadt
11:21
gefährdet. Aber Sokrates hat das nicht
11:24
als Beleidigung empfunden. Er hat
11:26
geglaubt, daß Kritik das beste Geschenk
11:28
ist, dass man einem Staat machen kann.
11:31
Für ihn ist ein guter Bürger nicht
11:32
jemand, der immer alles akzeptiert, was
11:35
die Regierung sagt, sondern jemand, der
11:37
kritisch denkt und die Wahrheit sucht.
11:40
Er hat seinen Mitbürgern immer wieder
11:41
gesagt, dass ein ungeprüftes Leben nicht
11:44
lebenswert ist. Er hat gewollt, daß
11:47
jeder Mensch Verantwortung für sein
11:49
eigenes Denken übernimmt, auch wenn das
11:51
bedeutet, dass man unbequeme Wahrheiten
11:53
akzeptieren muss. Durch sein Verhalten
11:56
hat er jedoch eine gefährliche Grenze
11:58
überschritten. In einer Demokratie wie
12:00
Athen ist die Meinung der Mehrheit sehr
12:03
wichtig gewesen und Sokrates hat die
12:05
Mehrheit oft provoziert. Viele
12:08
einflussreiche Männer haben angefangen,
12:10
Pläne gegen ihn zu machen, weil sie sein
12:12
Stechen nicht mehr ertragen haben.
12:14
Trotzdem ist Sokrates standhaft
12:16
geblieben. Er hat seine Mission niemals
12:18
aufgegeben. Auch wenn der Druck auf ihn
12:21
von Jahr zu Jahr größer geworden ist, er
12:23
hat gewusst, dass er für seine
12:25
Ehrlichkeit einen hohen Preis bezahlen
12:27
muss. Ein besonders rätselhafter Aspekt
12:30
im Leben von Sokrates ist sein Dämonion
12:32
gewesen. Er hat oft erzählt, dass er
12:35
seit seiner Kindheit eine göttliche oder
12:37
innere Stimme hört. Diese Stimme hat er
12:40
als ein Zeichen einer höheren Macht
12:42
betrachtet. Aber im Gegensatz zu anderen
12:45
Menschen, die behauptet haben, Visionen
12:47
zu haben, ist das Dämonion von Sokrates
12:50
sehr speziell gewesen. Es hat ihm
12:52
niemals gesagt, was er tun soll, sondern
12:55
immer nur, was er nicht tun darf. Diese
12:58
innere Warnung hat Sokrates in
13:00
entscheidenden Momenten seines Lebens
13:02
beeinflusst. Wenn er z.B. vorgehabt hat,
13:04
eine politische Karriere zu beginnen,
13:07
hat das Dämonion ihn davor gewarnt.
13:09
Sokrates hat später erklärt, dass dies
13:12
ein Glück gewesen ist. In der Politik
13:14
hätte er seine Prinzipien opfern müssen,
13:16
um zu überleben, und er wäre
13:18
wahrscheinlich schon viel früher
13:19
gestorben. Die Stimme hat ihn also vor
13:22
Handlungen geschützt, die seine
13:24
moralische Integrität oder seine Seele
13:26
gefährdet hätten. Für die Bürger Athens
13:29
ist dieses Dimonion jedoch ein Problem
13:31
gewesen. In einer Zeit, in der die
13:33
Religion eng mit dem Staat verbunden
13:35
gewesen ist, hat Sokrates behauptet,
13:38
eine private Verbindung zu einer
13:40
göttlichen Kraft zu haben. Viele
13:42
Menschen haben das als gefährlich
13:44
empfunden. Sie haben geglaubt, dass er
13:46
neue Götter einführen will oder dass er
13:48
die traditionellen Götter der Stadt
13:50
nicht respektiert. In der antiken Welt
13:53
hat man Individualität oft als Bedrohung
13:55
für die Gemeinschaft gesehen. Sokrates
13:58
hat jedoch immer betont, dass er kein
14:00
Prophet ist. Er hat die Stimme als eine
14:03
Art Gewissen interpretiert, das ihn
14:05
daran hindert, Unrecht zu tun. Er hat
14:08
geglaubt, dass jeder Mensch eine
14:09
Verantwortung gegenüber seiner eigenen
14:11
Seele hat. Für ihn ist es wichtiger
14:14
gewesen, im Einklang mit seinem inneren
14:16
Däon zu leben, als den Gesetzen der
14:19
Menschen zu folgen, wenn diese ungerecht
14:21
gewesen sind. Diese kompromisslose Treue
14:24
zu seiner inneren Stimme ist später
14:26
einer der Hauptgründe für die Anklage
14:28
gegen ihn gewesen. Er hat gezeigt, dass
14:31
die Freiheit des Denkens und das eigene
14:33
Gewissen wichtiger sind als
14:35
gesellschaftlicher Erfolg. Im Jahr 399
14:38
vor Christus ist es schließlich zur
14:40
Katastrophe gekommen. Drei Bürger
14:42
Athens, Miletos, Anitos und Lykon, haben
14:46
eine offizielle Anklage gegen den
14:48
70-jährigen Sokrates erhoben. Die
14:51
Vorwürfe sind extrem schwerwiegend
14:53
gewesen. Man hat ihm vorgeworfen, die
14:55
Götter der Stadt nicht anzuerkennen,
14:57
neue religiöse Wesen einzuführen und die
14:59
Jugend durch sein ständiges Hinterfragen
15:01
zu korrumpieren.
15:03
In der instabilen Atmosphäre nach dem
15:05
verlorenen Krieg hat die Stadt einen
15:07
Sündenbock für ihre Probleme gesucht.
15:10
Der Prozess hat vor einem riesigen
15:11
Volksgericht mit 501 Geschworenen
15:14
stattgefunden. Sokrates hat sich jedoch
15:16
nicht wie ein typischer Angeklagter
15:18
verhalten. Normalerweise haben
15:20
Angeklagte in Athen geweint oder ihre
15:23
Familie mitgebracht, um Mitleid zu
15:25
erregen. Aber Sokrates ist stolz und
15:27
kompromisslos geblieben. In seiner
15:30
Verteidigungsrede, die Platon später als
15:32
Apologie aufgeschrieben hat, hat er
15:34
erklärt, dass er seine Mission niemals
15:36
aufgeben wird. Er hat gesagt: "Athena,
15:39
ich und liebe euch, aber ich werde dem
15:42
Gott mehr gehorchen als euch."
15:45
Anstatt sich zu entschuldigen, hat er
15:47
die Jury sogar provoziert. Als man ihn
15:49
nach der ersten Abstimmung gefragt hat,
15:51
welche Strafe er verdient hat, hat er
15:53
geantwortet, dass er eigentlich eine
15:55
Belohnung verdient habe. Er hat
15:57
vorgeschlagen, dass die Stadt ihm ein
15:59
kostenloses Mittagessen im Rathaus, dem
16:01
Prüterne, schenken sollte, weil er den
16:04
Bürgern so viel Gutes getan hat. Diese
16:06
Ironie hat die Richter sehr wietend
16:08
gemacht. Sie haben das als Arroganz
16:11
interpretiert und nicht als
16:12
philosophische Aufrichtigkeit.
16:15
In der zweiten Abstimmung haben die
16:16
Richter deshalb mit einer größeren
16:18
Mehrheit für das Todesurteil gestimmt.
16:20
Sokrates hat das Urteil jedoch mit einer
16:22
unglaublichen Ruhe akzeptiert. Er hat zu
16:25
den Richtern gesagt, dass der Tod
16:27
entweder ein tiefer, traumloser Schlaf
16:29
oder eine Reise an einen Ort ist, wo man
16:31
die großen Seelen der Vergangenheit
16:33
treffen kann. In beiden Fällen hat er
16:35
den Tod nicht als ein Übel betrachtet.
16:38
Er ist fest davon überzeugt gewesen,
16:40
dass einem guten Menschen weder im Leben
16:42
noch im Tod wirklich etwas Böses
16:44
geschehen kann. Er hat den Gerichtssaal
16:46
als moralischer Sieger verlassen,
16:48
während seine Ankläger die Last der
16:50
Ungerechtigkeit tragen mussten. Sokrates
16:53
hat nach seinem Todesurteil noch einen
16:55
Monat im Gefängnis verbringen müssen,
16:57
weil ein heiliges Schiff aus Athen
16:59
unterwegs gewesen ist und während dieser
17:01
Zeit keine Hinrichtungen stattfinden
17:03
durften. In dieser Zeit haben seine
17:06
reichen Freunde, besonders Kriton, einen
17:09
perfekten Plan für seine Flucht
17:11
organisiert. Sie haben die Werter
17:13
bestochen und alles vorbereitet, um
17:15
Sokrates ins Ausland zu bringen, wo er
17:17
in Sicherheit hätte leben können. Doch
17:20
zur Überraschung aller hat Sokrates sich
17:22
absolut geweigert, das Gefängnis zu
17:24
verlassen. Er hat seinen Freunden
17:26
erklärt, dass ein Bürger einen Vertrag
17:29
mit den Gesetzen seines Staates hat. Er
17:32
hat sein ganzes Leben lang die Vorteile
17:34
der athenischen Gesetze genossen und ist
17:36
freiwillig in der Stadt geblieben. Er
17:38
hat argumentiert, dass es ungerecht
17:40
wäre, die Gesetze jetzt zu brechen, nur
17:43
weil sie gegen ihn entschieden haben.
17:45
Für Sokrates ist es wichtiger gewesen,
17:48
ein gerechter Mann zu bleiben, als sein
17:50
Leben durch eine unehrenhafte Flucht zu
17:52
verlängern. Er hat gefragt: "Was wäre
17:55
ich für ein Philosoph, wenn ich meine
17:57
eigenen Prinzipien am Ende meines Lebens
17:59
verraten würde?
18:01
An seinem letzten Tag sind seine engsten
18:03
Schüler bei ihm im Gefängnis gewesen.
18:06
Sie haben geweint, aber Sokrates ist
18:08
ruhig und gefasst geblieben. Er hat sie
18:10
sogar getröstet und mit ihnen über die
18:12
Unsterblichkeit der Seele diskutiert. Er
18:15
hat geglaubt, dass der Körper nur ein
18:17
Gefängnis für die Seele ist und dass der
18:20
Todele endlich befreit. Als der Werter
18:23
schließlich den Becher mit dem giftigen
18:25
Schierling, einem Extrakt aus der
18:27
Pflanze Konium Makulatum gebracht hat,
18:30
hat Sokrates ihn ohne Zögern getrunken.
18:33
Sokrates ist im Gehen durch den Raum
18:35
gelaufen, bis seine Beine schwer
18:37
geworden sind. Er hat sich hingelegt und
18:40
gewartet, bis das Gift sein Herz
18:42
erreicht hat. Seine letzten Worte sind
18:44
an seinen Freund Kriton gerichtet
18:46
gewesen. Kriton, wir schulden Asklepius,
18:50
dem Gott der Heilung, einen Hahn. Bitte
18:52
vergiss nicht, diese Schuld zu bezahlen.
18:55
Das ist ein Symbol dafür gewesen, daß er
18:57
den Tod als eine Heilung von den Leiden
18:59
des irdischen Lebens gesehen hat. So ist
19:02
der Mann gestorben, den seine Freunde
19:04
als den besten, weisesten und
19:06
gerechtesten aller Menschen bezeichnet
19:08
haben. Der Tod von Sokrates ist nicht
19:11
das Ende seiner Geschichte gewesen,
19:13
sondern der wahre Beginn seines enormen
19:15
Einflusses auf die Welt. Obwohl er
19:18
selbst niemals ein Wort geschrieben hat,
19:20
hat sein Leben die Richtung des
19:22
menschlichen Denkens für immer
19:24
verändert.
19:25
Vor Sokrates haben sich die Philosophen,
19:28
die Naturphilosophen, meistens für die
19:30
Sterne, die Elemente und die Entstehung
19:33
der Welt interessiert. Sokrates hat die
19:35
Philosophie jedoch vom Himmel auf die
19:38
Erde geholt. Er hat den Menschen zum
19:40
Mittelpunkt des Denkens gemacht und
19:43
Fragen nach Ethik, Moral und dem guten
19:45
Leben gestellt. Sein wichtigster Schüler
19:48
Platon ist durch den Tod seines Lehrers
19:50
so tief erschüttert gewesen, dass er
19:53
sein ganzes Leben der Bewahrung von
19:55
Sokrates Erbe gewidmet hat. Er hat die
19:57
Akademie in Athen gegründet, die erste
20:00
Universität der Geschichte. Fast alles,
20:03
was wir über die so Ethik wissen, hat
20:06
Platon in seinem berühmten Dialogen
20:08
aufgeschrieben. Auch Aristoteles, der
20:11
Schüler von Platon, hat auf den
20:12
Fundamenten aufgebaut, die Sokrates
20:14
gelegt hat. Diese drei Denker, Sokrates,
20:18
Platon und Aristoteles, haben zusammen
20:21
das geistige Fundament der westlichen
20:23
Zivilisation geschaffen. Ohne Sokrates
20:26
hätte es die Entwicklung der Logik, der
20:28
Wissenschaft und der politischen
20:29
Theorie, wie wir sie heute kennen,
20:31
wahrscheinlich niemals gegeben. Sokrates
20:34
ist zum Symbol des freien Geistes und
20:36
des Muts zur Wahrheit geworden. Er hat
20:39
gezeigt, dass es wichtiger ist, seinen
20:41
Prinzipien treu zu bleiben, als dem
20:43
Druck der Mehrheit nachzugeben. In der
20:45
Renaissance, in der Aufklärung und sogar
20:48
in der modernen Existenzphilosophie
20:50
haben Denker immer wieder auf Sokrates
20:52
zurückgegriffen. Er hat uns gelehrt,
20:55
dass wir alles hinterfragen müssen, auch
20:57
unsere eigenen festen Überzeugungen.
21:00
Sein Leben ist ein Beweis dafür gewesen,
21:02
dass wahre Stärke nicht in Macht oder
21:04
Reichtum liegt, sondern in der Klarheit
21:06
des Verstandes und der Reinheit der
21:09
Seele. Heute über 4400 Jahre nach seinem
21:13
Tod ist die so Methode in Schulen,
21:16
Universitäten und sogar in der
21:18
Psychotherapie immer noch lebendig.
21:20
Jedes Mal, wenn ein Mensch eine
21:22
kritische Frage stellt und nicht einfach
21:24
die erstbeste Antwort akzeptiert, lebt
21:27
der Geist von Sokrates weiter. Er hat
21:29
die Philosophie zu einer Lebensweise
21:31
gemacht und nicht nur zu einer
21:33
akademischen Theorie. Sein Vermächtnis
21:35
ist eine ewige Aufforderung an die
21:37
Menschheit. Erkenne dich selbst. Er hat
21:40
uns gezeigt, dass die Suche nach der
21:42
Wahrheit eine lebenslange Aufgabe ist,
21:45
die Mut, Demut und unendliche Neugier
21:48
erfordert.

