Heutiges Thema ist Franz Kafka.
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Franz Kafka ist am 3. Juli 1883
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in Prag geboren. Zu dieser Zeit hat Prag
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zum Kaiserreich Österreich-Ungarn
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gehört. Seine Familie ist jüdisch
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gewesen und hat zu Hause Deutsch
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gesprochen. Das ist für Kafka oft
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kompliziert gewesen. Er hat in einer
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Stadt mit vielen Tschechen gelebt, aber
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er hat die Sprache der Minderheit
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Deutsch benutzt. Deshalb hat er sich oft
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nicht richtig zugehörig gefühlt. Sein
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Vater, Hermann Kafka ist ein sehr
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erfolgreicher Geschäftsmann gewesen. Er
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hat ein großes Geschäft für Mode und
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Kleidung gehabt. Franz hat fünf
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Geschwister gehabt, aber seine zwei
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Brüder sind schon als Babys gestorben.
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Er ist also mit seinen drei Schwestern
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Gabriele, Valerie und Ortilie
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aufgewachsen. Seine Lieblingsschwester
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ist Otla gewesen. Sie hat ihn immer gut
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verstanden. Kafka hat sich in seiner
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Kindheit oft allein und einsam gefühlt.
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Die jüdische Religion ist für seine
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Familie wichtig gewesen. Aber Franz hat
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sie eher als eine Tradition und nicht
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als tiefen Glauben gesehen. Diese
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Situation in Prag zwischen den Kulturen,
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Sprachen und Religionen hat seine Sicht
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auf die Welt stark geprägt. Er hat schon
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früh verstanden, dass das Leben oft
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rätselhaft und voller Missverständnisse
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ist. Hermann Kafka, der Vater von Franz,
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ist eine sehr dominante und kraftvolle
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Person gewesen. Er hat sich aus
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einfachen Verhältnissen hochgearbeitet
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und hat schließlich ein großes Geschäft
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in Prag geführt. Für ihn sind Disziplin,
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Erfolg und Stärke die wichtigsten Werte
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im Leben gewesen. Franz ist jedoch das
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genaue Gegenteil von seinem Vater
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gewesen. Er ist schüchtern, sensibel und
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körperlich eher schwach gewesen. hat oft
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zu großen Konflikten in der Familie
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geführt. Hermann hat oft kein
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Verständnis für die Träume oder die
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Ängste seines Sohnes gehabt. Er hat
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Franz oft kritisiert oder hat sich über
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ihn lustig gemacht. Franz hat sich
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deshalb in der Gegenwart seines Vaters
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immer klein und wertlos gefühlt. Er hat
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später einmal geschrieben, dass er sich
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wie ein winziges Insekt vor einem
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riesigen Riesen gefühlt hat. Diese Angst
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vor dem Vater ist so groß gewesen, dass
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sie Franz sein gesamtes Leben lang
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verfolgt hat. Er hat niemals gelernt,
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seinem Vater mutig die Meinung zu sagen.
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Im Jahr 1919 hat Franz versucht, seine
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Gefühle in einem über 100 Seitenlangen
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Brief zu erklären. Diesen Text kennen
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wir heute als den berühmten Brief an den
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Vater. Er hat darin ganz genau
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beschrieben, wie die laute Stimme und
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der Zorn des Vaters seine Seele verletzt
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haben. Er hat dem Vater vorgeworfen,
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dass er durch seine Strenge die
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Lebensfreude seines Sohnes zerstört hat.
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Aber Franz hat diesen Brief niemals
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abgeschickt. Seine Mutter hat den Brief
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gelesen, aber sie hat ihn Franz wieder
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zurückgegeben, weil sie Angst vor der
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Reaktion des Vaters gehabt hat. Diese
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schwierige Beziehung ist das zentrale
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Thema in Kafkas Literatur geworden. In
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vielen seiner Geschichten gibt es
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mächtige Richter oder unnahbare Väter,
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die über das Schicksal der Hauptfiguren
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entscheiden. Er hat seine private Angst
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in Weltliteratur verwandelt. Ohne diesen
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harten Vater hätte Franz Kafka
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vielleicht niemals so tiefgründige und
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düstere Bücher geschrieben. Der Vater
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ist also gleichzeitig sein größtes
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Trauma und seine wichtigste Inspiration
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gewesen. Auf Wunsch seines Vaters hat
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Franz Kafka im Jahr 1901 Studium der
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Rechtswissenschaften Jura an der
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Deutschen Universität in Prag begonnen.
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Er hat sich eigentlich viel mehr für
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Literatur und Kunst interessiert, aber
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sein Vater hat gewollt, dass Franz einen
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soliden und angesehenen Beruf lernt. Das
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Studium ist für ihn oft langweilig
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gewesen, weil er die trockenen Gesetze
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nicht geliebt hat. Trotzdem hat er
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fleißig gelernt und hat im Jahr 1906
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seinen Doktorgrad erhalten. Er ist also
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offiziell ein Doktor der Rechte gewesen.
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Nach einer kurzen Zeit bei Gericht hat
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Kafka im Jahr 1908 eine Stelle bei der
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Arbeiterunfallversicherungsanstalt
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in Prag gefunden. Dort hat er fast sein
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ganzes Leben lang gearbeitet. Seine
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Aufgabe ist es gewesen, Berichte über
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Unfälle in Fabriken zu schreiben und die
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Gefahr von Maschinen zu bewerten. Er ist
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in seinem Job sehr zuverlässig und
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pünktlich gewesen und seine Chefs haben
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ihn für seine klugen Texte sehr
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geschätzt. Aber Kafka selbst hat diese
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Arbeit innerlich gehasst. Er hat seinen
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Beruf oft als Brotarbeit bezeichnet. Das
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hat bedeutet, er hat den Job nur
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gemacht, um Geld für sein Leben zu
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verdienen, aber sein Herz ist nicht
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dabei gewesen. Der Alltag von Kafka ist
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extrem anstrengend gewesen, weil er ein
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Doppelleben geführt hat. Er hat meistens
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bis 2 Uhr am Nachmittag im Büro
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gearbeitet. Danach hat er ein wenig
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geschlafen, ist spazieren gegangen oder
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hat Zeit mit seiner Familie verbracht.
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Aber erst in der Nacht, wenn alles ruhig
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gewesen ist, hat er mit seiner
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eigentlichen Arbeit begonnen, dem
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Schreiben. Er hat oft bis tief in die
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Nacht an seinem Schreibtisch gesessen
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und hat seine Geschichten zu Papier
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gebracht. Dieser Schlafmangel und der
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Stress zwischen dem langweiligen Büro
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und der kreativen Literatur haben ihn
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körperlich und psychisch sehr belastet.
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Er hat sich oft wie ein Gefangener in
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seinem eigenen Leben gefühlt. Die
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bürokratische Welt der Versicherung mit
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ihren vielen Akten, Stempeln und Regeln
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hat seine Sicht auf die Welt stark
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beeinflusst. Man kann diese graue
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komplizierte Welt der Büros in seinen
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späteren Romanen wie Der Prozess oder
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das Schloss sehr deutlich
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wiedererkennen. Er hat den Wahnsinn des
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modernen Arbeitslebens am eigenen Leib
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erfahren und hat ihn in Kunst
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verwandelt. Im Jahr 1912 hat Franz
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Kafgar eines der berühmtesten Bücher der
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Weltliteratur geschrieben, die
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Verwandlung. Er hat diese Geschichte in
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einer sehr intensiven Phase in nur
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wenigen Wochen fertig gestellt. Das Buch
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beginnt mit einem der schockierendsten
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Sätze der Literaturgeschichte.
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Kafka hat geschrieben, dass der
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handlungsreisende Gregor Samsa eines
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Morgens aus unruhigen Träumen aufgewacht
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ist und sich in seinem Bett zu einem
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ungeheuren Ungeziefer verwandelt
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gefunden hat. Er ist kein Mensch mehr
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gewesen, sondern ein riesiges Insekt mit
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vielen Beinen und einem harten Panzer.
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In dieser Erzählung hat Kafka nicht
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erklärt, warum Gregor ein Käfer geworden
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ist. Das ist für ihn nicht wichtig
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gewesen. Viel wichtiger ist die Reaktion
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von Gregor und seiner Familie gewesen.
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Anstatt über seine Verwandlung
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erschrocken zu sein, hat Gregor zuerst
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nur an seine Arbeit gedacht. Er hat
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Angst gehabt, dass er seinen Zug
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verpasst und dass sein Chef im Büro böse
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auf ihn ist. Das hat deutlich gezeigt,
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wie sehr der Druck der Arbeitsgregors
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Seele schon vor der Verwandlung zerstört
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hat. Er hat sich nur noch als eine
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Maschine gefühlt, die Geld verdienen
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muß. Die Geschichte hat sehr detailliert
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beschrieben, wie das Leben für Gregor in
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seinem Zimmer immer schwieriger geworden
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ist. Seine Eltern haben sich vor ihm
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geekelt und haben ihn weggesperrt. Nur
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seine Schwester Grete hat ihm am Anfang
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noch Futter gebracht, aber auch sie hat
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später die Geduld verloren. Kafka hat
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gezeigt, dass die Familie Gregor geliebt
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hat, solange er gesund gewesen ist und
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Geld nach Hause gebracht hat. Als er ein
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hilfloser Käfer gewesen ist, hat er für
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sie keinen Wert mehr gehabt. Sein Vater
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hat ihn sogar mit Äpfeln beworfen und
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hat ihn schwer verletzt. Am Ende ist
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Gregor einsam und traurig in seinem
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dunklen Zimmer gestorben. Die Familie
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hat sich danach erleichtert gefühlt und
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hat einen Ausflug gemacht, als ob nichts
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schreckliches passiert wäre. Kafka hat
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mit dieser Geschichte seine eigenen
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Gefühle beschrieben. Er hat sich in
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seiner Familie oft fremd und hässlich
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gefühlt, genau wie ein Ungeziefer. Er
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hat die Isolation und die Kälte der
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modernen Gesellschaft perfekt
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dargestellt. Das Buch ist für viele
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Leser ein Symbol für die Depression und
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die totale Einsamkeit des Individuums
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geworden. Das Liebesleben von Franz
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Kafka ist fast so rätselhaft und
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kompliziert gewesen wie seine Bücher. Im
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Jahr 1912 hat er im Haus seines Freundes
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Max Brot eine Frau namens Felice Bauer
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kennengelernt. Sie ist eine moderne,
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selbstständige Frau aus Berlin gewesen.
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Zwischen den beiden hat eine der
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ungewöhnlichsten Beziehungen der
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Literaturgeschichte begonnen. Sie haben
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sich in den folgenden fünf Jahren nur
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sehr selten gesehen, aber sie haben sich
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hunderte von Briefen geschrieben. Kafka
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hat sich zweimal mit Felice verlobt und
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hat die Verlobung beide Male wieder
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gelöst. Er hat eine schreckliche Angst
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vor der Ehe gehabt. Er hat geglaubt, daß
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er als Ehemann und Vater keine Zeit und
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keine Ruhe mehr für seine wahre
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Leidenschaft das Schreiben haben würde.
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Er hat das Alleinsein gebraucht, um
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kreativ zu sein, aber gleichzeitig hat
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er unter seiner Einsamkeit gelitten.
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Diese inneren Qualen hat er in seinen
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Briefen an Verließe sehr deutlich
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beschrieben. Er hat ihr oft erklärt,
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warum er kein guter Partner für sie sein
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kann, aber er hat sie trotzdem nicht
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loslassen können. Später hat er auch
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eine sehr tiefe Verbindung zu Milena
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Jessenska gehabt. Sie ist eine
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tschechische Journalistin gewesen und
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hat seine Texte übersetzt. Da sie in
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Wien gelebt hat und verheiratet gewesen
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ist, ist ihre Liebe fast nur in Briefen
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passiert. Die Briefe an Milena sind
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heute weltberühmt, weil sie so voller
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Leidenschaft, Schmerz und Verzweiflung
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gewesen sind. Kafka hat sich ihr
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gegenüber sehr weit geöffnet und hat ihr
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von seinen tiefsten Ängsten erzählt.
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Neben Felise und Milena hat es auch noch
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andere Frauen gegeben, wie z.B. Julie
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Wurisek oder am Ende seines Lebens Dora
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Diamant. Aber keine dieser Beziehungen
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hat zu einem traditionellen glücklichen
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Familienleben geführt. Kafka hat die
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Liebe oft als einen Kampf oder als ein
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Hindernis für seine Kunst gesehen. Er
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hat sich selbst als einen
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Literaturmenschen bezeichnet, der nur
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für seine Texte existiert. Die Frauen in
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seinem Leben haben ihn inspiriert, aber
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sie haben ihn auch oft an den Rand des
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Wahnsinns gebracht. Eines seiner
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wichtigsten Werke ist der Roman Der
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Prozess gewesen. Kafka hat mit diesem
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Buch im Jahr 1914 begonnen, aber er hat
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es niemals ganz fertig gestellt. Die
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Geschichte ist heute ein Symbol für die
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moderne Welt geworden. Sie beginnt
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damit, dass der Bankbeamte Josef K. an
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seinem 30. Geburtstag plötzlich von zwei
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fremden Männern verhaftet worden ist.
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Das Seltsame ist gewesen, Josef K. hat
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nichts Böses getan. Er hat keine Gesetze
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gebrochen und niemand hat ihm gesagt,
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warum er verhaftet worden ist. Josef K.
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hat in der Folge versucht, gegen dieses
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unsichtbare Gericht zu kämpfen. Er ist
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durch dunkle Dachböden und seltsame
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Büros gelaufen, um seine Unschuld zu
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beweisen. Aber er hat schnell gemerkt,
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dass das Gericht nicht logisch
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funktioniert hat. Die Beamten sind
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unfreundlich gewesen und die Regeln sind
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für ihn ein Geheimnis geblieben. Je mehr
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er versucht hat, sich zu befreien, desto
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tiefer ist er in das Labyrinth der
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Bürokratie geraten. Er hat sich in
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seiner eigenen Welt immer fremder
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gefühlt. Kafka hat in diesem Buch
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beschrieben, wie sich ein Mensch fühlt,
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wenn er gegen eine anonyme Macht kämpfen
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muss. Er hat das Wort Kafka ESK damit
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fast erfunden. Eine Situation, die
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gleichzeitig unheimlich, absurd und sehr
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kompliziert ist. Am Ende hat Josef K.
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Den Kampf verloren. Ein Jahr nach seiner
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Verhaftung haben ihn zwei Männer
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abgeholt und in einen Steinbruch
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geführt. Er ist dort wie ein Hund
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hingerichtet worden, ohne jemals den
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Grund für seinen Prozess erfahren zu
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haben. Dieses Buch hat gezeigt, wie viel
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Angst Kafka vor der modernen
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Gesellschaft gehabt hat. Er hat
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geglaubt, dass der einzelne Mensch keine
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Chance gegen die großen Systeme des
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Staates oder der Justiz hat. Der Roman
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ist erst nach seinem Tod veröffentlicht
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worden, aber er hat die Literatur des
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20. Jahrhunderts massiv beeinflusst.
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Viele Leser haben sich in Josef K.
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wieder erkannt, weil sie sich in ihrem
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eigenen Leben oft genauso machtlos
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gefühlt haben. Für Franz Kafka ist das
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Schreiben nicht nur ein Hobby oder
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einfacher Zeitvertreib gewesen, sondern
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sein ganzer Lebenssinn. Er hat einmal
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gesagt, daß er aus Literatur besteht und
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nichts anderes sein kann. Aber dieser
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Weg ist für ihn sehr einsam gewesen. Er
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hat das Alleinsein nicht nur gesucht,
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sondern er hat es absolut gebraucht. Er
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hat geglaubt, dass er nur in der
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tiefsten Stille und Isolation seine
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inneren Bilder und Ängste finden kann.
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Deshalb hat er oft die ganze Nacht
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allein in seinem Zimmer verbracht und
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hat die Welt draußen komplett vergessen.
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In seiner Einsamkeit hat Kafka eine ganz
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besondere Methode entwickelt. Er hat das
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Schreiben oft als eine Form des Gebets
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bezeichnet. Er hat sich beim Schreiben
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völlig konzentriert und hat versucht,
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die Wahrheit über die menschliche
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Existenz zu finden. Er ist dabei sehr
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streng mit sich selbst gewesen. Oft hat
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er stundenlang an einem einzigen Satz
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gearbeitet, bis er perfekt gewesen ist.
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Wenn er mit einem Text nicht zufrieden
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gewesen ist, hat er ihn oft sofort
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zerrissen oder hat ihn für immer in
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einer Schublade versteckt. Er hat unter
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ständigen Selbstzweifeln gelitten und
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hat oft geglaubt, dass seine Arbeit
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nicht gut genug ist. Trotz dieser
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Einsamkeit hat Kafka einige enge Freunde
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gehabt, wie z.B. den Schriftsteller Max
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Brot. Max Brot ist für ihn sehr wichtig
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gewesen, weil er Kafka immer wieder
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motiviert hat, seine Texte zu beenden
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oder sie zu veröffentlichen. Sie sind
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oft zusammen spazieren gegangen oder
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haben in Prager Kafféehäusern über
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Literatur diskutiert. Aber selbst in der
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Gegenwart seiner besten Freunde ist
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Kafka innerlich oft distanziert
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geblieben. Er hat sich wie ein Fremder
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unter Menschen gefühlt, als ob er eine
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andere Sprache sprechen würde oder von
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einem anderen Planeten kommen würde.
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Diese totale soziale Isolation hat er in
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vielen kleinen Erzählungen beschrieben.
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In seiner Geschichte Ein Hungerkünstler
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hat er z.B. von einem Mann geschrieben,
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der in einem Käfig sitzt und hungert,
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weil er kein Essen findet, das ihm
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schmeckt. Das ist ein Symbol für Kafka
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selbst gewesen. Er hat keine Nahrung in
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der normalen Welt gefunden und hat
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deshalb nur in seinen eigenen Texten
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überlebt. Seine Einsamkeit ist also
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gleichzeitig sein größtes Unglück und
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sein wichtigstes Werkzeug für seine
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Kunst gewesen. Er hat den Schmerz der
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Isolation in eine wunderschöne, klare
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Sprache verwandelt, die heute Menschen
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auf der ganzen Welt berührt. Im Jahr
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1917 hat sich das Leben von Franz Kafka
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für immer verändert. In einer Nacht im
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August hat er plötzlich Blut gehustet.
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Die Ärzte haben danach eine schreckliche
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Diagnose gestellt, Lungentuberkulose.
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Zu dieser Zeit hat es noch keine
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Medikamente wie Antibiotika gegeben.
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Deshalb ist diese Krankheit oft ein
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Todesurteil gewesen. Kafka hat diese
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Nachricht jedoch seltsam ruhig
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aufgenommen. Er hat fast geglaubt, dass
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sein Körper nur das gezeigt hat, was
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seine Seele schon lange gefühlt hat. Er
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hat die Krankheit als ein Zeichen
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gesehen, daß er sein altes Leben als
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Beamter endlich beenden muss. Wegen der
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Tuberkulose hat Kafgar viel Zeit in
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verschiedenen Sanatorien und Kurorten
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verbracht, z.B. in den Bergen oder auf
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dem Land. Er hat dort versucht, durch
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frische Luft, viel Ruhe und eine gesunde
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Ernährung wieder gesund zu werden. In
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diesen Sanatorien hat er viele Monate
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fern von seinem Büro und seinem Vater
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gelebt. Das ist für ihn einerseits eine
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Befreiung gewesen, aber andererseits hat
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er sich dort oft sehr einsam gefühlt. Er
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hat in seinen Briefen und Tagebüchern
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oft über die Schmerzen und die Müdigkeit
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geschrieben, die die Krankheit
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verursacht hat. Er hat sich oft zu
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schwach zum Schreiben gefühlt, was für
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ihn die schlimmste Strafe gewesen ist.
16:00
Trotz der Krankheit hat Kafka in diesen
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Jahren einige seiner wichtigsten Texte
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geschrieben. Er hat gegen die Zeit
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gekämpft, weil er gewusst hat, dass er
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vielleicht nicht mehr lange leben wird.
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Im Jahr 1922 ist er schließlich so krank
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gewesen, dass er seinen Job bei der
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Versicherung endgültig aufgeben hat
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müssen. Er ist früh pensioniert worden
16:20
und hat danach bei seiner Schwester
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Ottler auf dem Land gelebt. Dort hat er
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an seinem letzten großen Roman Das
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Schloss gearbeitet. Aber die Tuberkulose
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ist immer schlimmer geworden und hat
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schließlich auch seinen Kehlkopf
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angegriffen. Das hat bedeutet, dass er
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am Ende kaum noch Essen oder sprechen
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hat können. In seinem letzten Lebensjahr
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hat er noch einmal ein kleines Glück
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gefunden. Er hat Dora Diamant
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kennengelernt und ist mit ihr nach
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Berlin gezogen. Es ist das erste Mal
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gewesen, dass er wirklich von zu Hause
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ausgezogen ist und mit einer Frau
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zusammengelebt hat. Aber die Krankheit
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hat diesen Traum schnell zerstört. Sein
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Zustand hat sich so sehr verschlechtert,
16:58
dass er zurück nach Österreich in ein
17:00
Sanatorium bei Wien hat gehen müssen. Er
17:02
hat in seinen letzten Tagen nur noch
17:04
über kleine Zettel mit Dora und seinen
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ersten kommuniziert, weil das Sprechen
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zu weh getan hat. Er hat diesen harten
17:11
Kampf gegen seinen eigenen Körper bis
17:13
zum letzten Moment mit großer Würde
17:15
geführt. Als Franz Kafka gespürt hat,
17:18
dass sein Ende nah ist, hat er eine
17:20
folgenschwere Entscheidung getroffen. Er
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hat seinem engsten Freund Max Brot einen
17:26
letzten Auftrag gegeben. Dieser Auftrag
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ist jedoch sehr schockierend gewesen.
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Kafka hat Max Brot gebeten, nach seinem
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Tod alle seine unveröffentlichten
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Manuskripte, Tagebücher und Briefe
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ungelesen zu verbrennen. Er hat
17:41
geglaubt, dass seine Arbeit nicht gut
17:43
genug ist und dass die Welt diese Texte
17:46
niemals sehen darf. Kafka ist zu diesem
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Zeitpunkt ein sehr selbstkritischer
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Mensch gewesen und hat sein eigenes
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Genie nicht erkannt. Max Brot hat dieses
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Versprechen jedoch nicht gehalten. Er
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hat die Texte nicht verbrannt, sondern
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er hat sie genau studiert. Er hat
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gewusst, dass Kafka einer der größten
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Schriftsteller aller Zeiten ist. Er hat
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verstanden, dass es ein Verbrechen an
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der Menschheit gewesen wäre, diese
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Meisterwerke zu vernichten. Deshalb hat
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er sich nach Kafkas Tod sofort an die
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Arbeit gemacht. Er hat die ungeordneten
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Zettel sortiert, hat die unfertigen
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Sätze korrigiert und hat Verleger für
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die Bücher gesucht. Ohne den Mut und den
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Ungehorsam von Max Brot hätten wir heute
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keine Romane wie der Prozess, das
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Schloss oder der Verschollene. Wir
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hätten fast keine Informationen über
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Kafkas Gedankenwelt gehabt. Brot hat
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sein ganzes Leben dafür gekämpft, dass
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Kafka weltberühmt wird. Er hat
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Biografien über seinen Freund
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geschrieben und hat das Bild von Kafka
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geprägt, das wir heute kennen. Viele
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Kritiker haben Brot später dafür
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kritisiert, dass er gegen den Willen
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seines Freundes gehandelt hat, aber für
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die Literatur ist es ein riesiges Glück
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gewesen. Max Brot hat Kafka nicht nur
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als Autor, sondern auch als Heiligen und
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Propheten gesehen. Er hat die
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Manuskripte sogar während des Zweiten
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Weltkriegs auf seiner Flucht vor den
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Nationalsozialisten in einem Koffer
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mitgenommen und hat sie so vor der
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Zerstörung gerettet. Durch diesen Koffer
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voll mit Papieren hat Kafka den Tod
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besiegt. Max Brot hat bewiesen, daß
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wahre Freundschaft manchmal bedeutet,
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den Wunsch des Freundes zu ignorieren,
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um sein Erbe für die Ewigkeit zu
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bewahren.
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Am 3. Juni 1924
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ist Franz Kafgar im Sanatorium Hoffmann
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in Kiing bei Wien gestorben. Er ist zu
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diesem Zeitpunkt erst 40 Jahre alt
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gewesen. Die Tuberkulose hat seinen
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Kehlkopf so stark angegriffen, dass er
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in seinen letzten Tagen nicht einmal
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mehr Wasser trinken hat können. Er ist
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in den Armen seiner letzten Liebe, Dora
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Diamant, gestorben. Sein Körper ist nach
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Prag zurückgebracht worden und er hat
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seine letzte Ruhe auf dem neuen
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jüdischen Friedhof gefunden. An seinem
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Begreibnis haben nur wenige Menschen
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teilgenommen, weil er damals noch kein
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berühmter Star gewesen ist. Doch nach
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seinem Tod ist etwas Unglaubliches
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passiert. Wie wir im letzten Kapitel
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gelernt haben, hat Max Brot seine Bücher
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veröffentlicht. In dener und 1950er
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Jahren hat die ganze Welt plötzlich
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angefangen, Kafka zu lesen. Seine
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dunklen Geschichten über einsame
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Menschen und komplizierte Bürokratie
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haben genau das Lebensgefühl der
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modernen Zeit getroffen. Er ist zu einem
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Idol für viele andere Schriftsteller und
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Denker geworden. Heute sind seine Werke
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in fast alle Sprachen der Welt übersetzt
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worden. Sein Name ist heute sogar ein
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Adjektiv. Wenn eine Situation seltsam,
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unheimlich und unlogisch ist, nennen wir
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sie Kafka Esk. Er hat uns gelehrt,
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hinter die Fassade der normalen Welt zu
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blicken und die Ängste der modernen
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Seele zu verstehen. Obwohl er selbst
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geglaubt hat, dass seine Texte wertlos
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sind, hat er die Literatur für immer
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verändert. Er hat bewiesen, dass ein
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schüchter Mann aus Prag mit seiner
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Fantasie die ganze Welt erobern kann.
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Franz Kafka ist heute unsterblich. Jedes
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Jahr besuchen tausende Menschen sein
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Grab in Prag oder besichtigen sein Haus
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im goldenen Gässchen. Er hat uns ein
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Erbe hinterlassen, das uns auch heute
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noch zum Nachdenken bringt. Er hat
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gezeigt, dass man in der Dunkelheit der
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Einsamkeit ein Licht finden kann und
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dieses Licht ist seine Kunst gewesen. Er
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ist nicht mehr der kleine ängstliche
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Sohn von Hermann Kafka, sondern einer
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der größten Heren der Weltliteratur
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geworden. M.
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